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Die eisenzeitliche Saline von Bad Nauheim (Hessen)

 – ein vorindustrielles Zentrum der binnenländischen Salzgewinnung und des Salzhandels vom 3.  Jahrhundert v. Chr. bis in das 1. Jahrhundert n. Chr.

In der Wetterau haben viele Kulturepochen der Menschheitsgeschichte ihre Spuren hinterlassen; sie zählt daher zu den wichtigsten Kulturlandschaften Deutschlands. Gefördert wurde diese Entwicklung vor allem durch ein ausgesprochen mildes Klima, sehr fruchtbare Böden und ein weit verzweigtes Gewässernetz. Damit ging eine nachhaltige Veränderung des Landschaftsbildes einher, das im Verlauf der Jahrtausende immer neue Formen annahm. Wälder wurden gerodet, Ackerflächen angelegt, Gelände für Siedlungsplätze erschlossen und in großem Umfang Salz gewonnen.

Bad Nauheim in der Wetterau besitzt eine besondere Bedeutung für die Archäologie in Hessen. Die Hessische Landesarchäologie gräbt und forscht hier bereits seit über 50 Jahren. Bad Nauheim zählt zu den bedeutendsten vorgeschichtlichen Salinenstandorten Mitteleuropas.

Im Zuge der Salzgewinnung entwickelte sich spätestens seit Ende des 3. Jahrhundert v. Chr. im Quellgebiet der Usa-Talaue ein umfangreiches Produktionszentrum für binnenländisches Salz. In der benachbarten Siedlung, die bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. bestand, lassen sich auf die Salzgewinnung spezialisierte Handwerke nachweisen.

Salzhaltiges Quellwasser (Sole) wurde seit frühester Zeit vom Menschen genutzt, um an das lebensnotwendige Salz zu gelangen. Das Eindampfen der Sole wird schließlich seit dem Jung- und Spätneolithikum erkennbar und die bergmännische Gewinnung von Steinsalz im alpinen Raum ist seit der Bronzezeit nachgewiesen. Für die Eisenzeit können durch die Forschungen der letzten Jahre vermehrt große Wirtschaftszentren ausgemacht werden, deren Grundlage in einer spezialisierten handwerklichen Ausrichtung liegt, wie z. B. der Metallgewinnung und -verarbeitung oder, wie in Bad Nauheim, der intensiven Salzgewinnung.

Die Hessische Landesarchäologie führt seit 1959 immer wieder Grabungen auf dem ca. 7500 m² großen Gelände durch (Abb. 1). Hierbei kamen eindrucksvolle Funde von Salineneinrichtungen wie  Gebäudegrundrisse, Kanäle, Gradiereinrichtungen und Öfen zu Tage. Dazu kommen hervorragend erhaltene, organische Materialien wie Lebensmittelreste, Früchte, Samen und Pollen aus systematischer Beprobung des Bodens. Darüber hinaus fand sich ein umfangreiches Fundmaterial, darunter Briquetage (Siedegefäßscherben, Ofenbauteile) sowie Objekte aus Metall, Keramik, Glas und Stein, ferner zahlreiche Tierknochen, Insekten und Mollusken sowie menschliche Skelettteile.

Erstmals in der Eisenzeitforschung in Deutschland konnten in Bad Nauheim aufgrund der hervorragenden Erhaltung über 3.000 Hölzer geborgen werden (Abb. 2 und 3). Diese stellen ein wertvolles Archiv für umweltarchäologische Fragen dar. Sie ermöglichen Aussagen zu Holzverwertung und Holzhandel, da selektive Vorgänge wie z.B. die Trennung von Bau- und Brennholz durch den vorgeschichtlichen Menschen wieder zusammengeführt werden könnten.

Durch eine zuletzt freigelegte römische Quellfassung (Dendrodatum 87 n. Chr.) und eine Anzahl von Dendrodaten aus den letzten Jahrzehnten v. Chr., zeichnet sich ganz offensichtlich ein neues Bild bezüglich der Übergangsprozesse von der Latènezeit in die frührömische Zeit und für die Vorgänge während des frühen römischen Ausgreifens über den Rhein ab. Hier besteht in den nächsten Jahren noch Forschungsbedarf.

Forschungen in Bad Nauheim

Als Entdecker der latènezeitlichen Saline vor 150 Jahren gilt der Salineninspektor Rudolph Ludwig. Die Relikte der Saline ziehen sich über beinahe einen Kilometer in nordsüdlicher Ausdehnung entlang des Quellhorizontes nahe der Usa. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fanden zahlreiche Baugrubenbeobachtungen, baubegleitende Maßnahmen und einige von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützte systematische Grabungen (1959-63; 1990-91) statt.

Die modernen Grabungen in der Bad Nauheimer Kurstraße und Parkstraße sowie die Altgrabungen am südlichen Stadtrand erbrachten für die Erforschung der Kelten in Europa herausragende wissenschaftliche Grundlagen. Vor allem die neueren Grabungen in der Kur- und Parkstraße mit dem außergewöhnlich guten Erhalt von organischem Material und den in allen Einzelheiten erhaltenen Arbeitsstätten zur Gewinnung des lebensnotwendigen und kostbaren Salzes sind für die mittlere und späte Eisenzeit einmalig in Europa und bieten durch ungestörte Befunde beste Vorraussetzungen zur Rekonstruktion der Arbeitsabläufe und Werkbereiche in einem vorgeschichtlichen Salinenbetrieb.

Als in der Kurstraße nach Abriss eines Hotels ein Neubau entstehen sollte, begannen dort Grabungen, die sich von anfänglich angesetzten zwei Jahren durch mehrfachen Wechsel des Bauträgers und einer damit einhergehenden Verzögerung des Baubeginns auf mehrere Grabungskampagnen erstreckten. Hinzu kam ein weiterer Neubau in der nahe gelegenen Parkstraße, so dass Grabungsarbeiten von 1992 bis 1998 und 2001 bis 2004 über viele Jahre fortgesetzt wurden. Zusammen mit einer älteren Grabung auf dem Gelände des ehemaligen Sprudelhotels in der Kurstraße konnten somit insgesamt rund 7.500 m² Fläche untersucht und dokumentiert werden. 

Bisher ist noch nicht völlig geklärt, ob es zwischen dem Salinen- und Siedlungsbereich im heutigen Zentrum von Bad Nauheim und dem Areal am südlichen Stadtrand eine durchgehende eisenzeitliche Saline gab.

Die Produktionsabfälle des Siedeprozesses macht über 90% der bis zu 5,00 m Höhe erreichenden Latèneschichten Bad Nauheims aus (Abb. 4). Sie ziehen sich entlang der westlichen Talaue der Usa bis auf etwa der Höhenlinie um 150 m ü. NN, welche auf der vorletzten, der pleistozänen, Schotterterrasse liegt. Auf dieser trockeneren, weniger vom Hochwasser gefährdeten Höhe liegen im nördlichen wie im südlichen Teil der Stadt die erwähnten eisenzeitlichen Siedlungsbefunde.

Unter den Abraumschichten aus Asche, Ofenlehm und zerschlagenen Siedegefäßen (Briquetage) der jüngeren Phase fanden sich im Norden wie im Süden auf den untersten Lagen vorzüglich erhaltene Feuchtbodenbefunde. Die Schichten des untersten Salinenabschnitts sind je nach Hang- und Uferlage 0,5 - 1,5 m mächtig und weisen eine einheitliche Werkplatzgestaltung auf. Große, mit Ton ausgekleidete, sekundär verfüllte Becken sowie kleinere quadratische, zur Mitte leicht abfallende Steinpflaster, aus flachen Flussschottern (Abb. 5), die in ein Bett aus einem zementartig harten, wasserundurchlässigen Asche-Lehm-Gemisch eingetieft waren, werden von zahlreichen Bauholzbefunden begleitet: mit Flechtwerkzäunchen oder mit Bohlen ausgekleidete Kanäle, Sammelkästen, Tröge, Bretterwände usw. Die Becken werden als spezielle Einrichtungen zur Anreicherung des Salzgehaltes verstanden.

Die zeitliche Einordnung der Saline Bad Nauheim

Wann die Salinentätigkeit in Bad Nauheim begann, ist derzeit noch nicht absolut sicher. Es gibt Hinweise, dass man in der Frühlaténezeit Solequellen an verschiedenen Plätzen in der Wetterau nutzte und sich dann auf das Areal in der Usatal-Aue in Bad Nauheim konzentrierte. Bezüglich des Endes der keltischen Nutzung lassen erste Hinweise aus den jüngsten Befunden der Spätlatènezeit vermuten, dass die Ausdehnung des Werksgeländes zu diesem Zeitpunkt abnahm.

Da für die Spätlatènezeit im Bad Nauheimer Raum ein Einfluss zumindest der materiellen Kultur auch aus dem mitteldeutschen Raum erkennbar ist und sich neuerdings auch Überlegungen zur Nutzung der Solequellen in frührömischen Kaiserzeit anschließen, steht ferner die sehr interessante Frage im Raum, ob hier in der Spätphase verschiedene Bevölkerungsgruppen ansässig und tätig waren und wenn ja, wann.

Über die vergangenen Jahre wurden auch die in rund 100 verschieden großen Wasserbecken eingelagerten etwa 3.000 Holzteile restauratorisch betreut. Besondere Holzobjekte befinden sich in der Holzkonservierung bzw. sind bereits fertig konserviert. Großholzobjekte wie Kasten und Tröge lagern in der Konservierungswerkstatt Schloss Gottdorf in Schleswig-Holstein. Um den zeitlichen Rahmen der Bauholzbearbeitung abschätzen zu können, ist bereits bei einer kleinen Anzahl von Hölzern die Zellerhaltung geprüft und die Holzart bestimmt worden. Eine erste Suche nach Bearbeitungsspuren hatte ein positives Ergebnis. Trotz der langen Lagerung ist eindeutig mit guten Ergebnissen zu rechnen.